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Der Morgen nach dem Ebbelwoifest – beginnt nicht gut für den Mann, der am Vierröhrenbrunnen liegt. Lesen Sie hier, wie die Geschichte beginnt oder laden Sie sich die Leseprobe als PDF herunter.

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Leseprobe aus „Der Tote am Vierröhrenbrunnen“. Ein Schmunzelkrimi aus der Sterzbachstadt Langen von Carla Wolf

1

Der Mann, der am Morgen nach dem in Langen und Umgebung >weltberühmten< Ebbelwoifest am Vierröhrenbrunnen saß, machte keinen guten Eindruck. Der Kopf war ihm auf die Brust gesunken, ein Bembel lag umgekippt neben seiner schlaff daliegenden Rechten, die Beine hatte er von sich gestreckt.

Der Rentner Karl Nappes war der Erste, der den Mann sah. Vielmehr war es sein Hund Lumpi. Eine Promenadenmischung auf krummen, kurzen Beinen, die Nappes vor einigen Jahren aus dem Tierheim Egelsbach geholt hatte. Mit der trat der passionierte Frühaufsteher an diesem Dienstag gegen Viertel nach fünf auf die Bachgasse. Fünfzehn Minuten später als üblich, weil auch er am Vorabend das eine oder andere Gerippte gehoben hatte.

»Hierher!«, rief Nappes, als Lumpi plötzlich davonrannte. Das Herrchen war noch nicht so schnell wie sonst und befand sich erst an der Ecke zum Restaurant Tiepolo, als der Hund bereits aufgeregt an den Beinen des am Brunnen lehnenden Mannes herumschnüffelte.

»Lass den Herrn in Ruhe«, versuchte Nappes erneut, seinen Hund an gutes Benehmen zu erinnern. Lumpi indessen hörte an diesem frühen Morgen überhaupt nicht auf ihn. Vielmehr schleckte er genüsslich etwas von dem umgekippten Bembel ab. Erst dann hob er den kleinen, graubraunen Kopf. Seine Knopfaugen blickten fragend zu Nappes, der schwerfällig näherkam.

»Junger Mann, das Fest ist vorbei!«, belehrte er den Trunkenbold. Der rührte sich nicht.

»Hallo, Sie!« Nappes beugte sich vor und griff nach der Schulter des schlafenden Zechers. »Die Nacht ist vorüber.«

Der Mann reagierte noch immer nicht. Nappes kam ächzend wieder hoch, dabei streifte seine Hand den Hut des Daliegenden. Ein schöner, leichter, geflochtener Sommerhut, wie Nappes bemerkte. Bevor das gute Stück vom Kopf des Fremden rutschte und Nappes sah, was sich darunter verbarg. Er erschrak dermaßen, dass er einen Schritt zurücktaumelte.

»Jessus, Maria und Josef«, entschlüpfte es ihm.

Lumpi stand ganz still, nur seine Nase zuckte, er schob den Kopf nach vorn und leckte sich mit der Zunge über die kleine, schwarze Schnauze. Gerade so, wie er es immer nach dem Morgenspaziergang machte, bevor er sich auf seinen Fressnapf stürzte. Nappes griff nach dem Halsband und zerrte das Tier weg, bevor es etwas Unverzeihliches tun konnte.

»Lumpi, der Mann ist tot«, sprach Nappes das Offensichtliche aus. »Wir müssen die Polizei holen.«

Bloß wie? Nappes war ein Herr der alten Schule. Der schleppte kein Mobiltelefon mit sich herum. Hilflos drehte er sich einmal um sich selbst. Überall nur geschlossene Lokale, heruntergelassene Rollläden, übervolle Mülleimer.

Das mehrtägige Fest voller Frohsinn, Heiterkeit und Völlerei, bei dem das >Stöffche< aus dem Vierröhrenbrunnen sprudelte, war vorbei.

Kaaner uff de Gass‘ wenn mer emol aan braucht.

»Lumpi, wir müssen zurück in die Wohnung.«

Im selben Moment ertönte das hochtourige Röhren eines teuren Autos. Gleich darauf bog ein schneeweißes, offenes Mercedes-Cabrio von der Fahrgasse her um die Ecke.

»Stopp. Anhalten!«, schrie Nappes und fuchtelte mit den Armen in der Luft herum.

Der Fahrer wirkte zunächst, als wolle er auf der Frankfurter Straße davonbrausen und den alten Mann einfach stehenlassen. Doch der erkannte ihn.

»Doktor Übelhau«, rief Nappes dem Cabriofahrer zu.

Der Arzt, ein bekannter Schönheitschirurg, in der Stadt allgemein nur »Doktor Botox« genannt, schob irritiert das straffe Kinn nach vorn und bremste den Wagen mitten in der Kurve ab, ohne den Motor abzustellen.

»Da hinten. Da liegt ein Toter«, brachte Nappes den Arzt zügig auf den Stand der Dinge.

»Ein Toter? Guter Mann, der wird gestern Abend einfach zu viel gesoffen haben. Schütten Sie ihm Wasser ins Gesicht, dann wird es schon wieder gehen.«

Doktor Botox schien nicht gewillt, seine Fahrt zu unterbrechen. Nappes fragte sich insgeheim, was den Mann so früh am Morgen umtrieb. Egal, was es war, es kam der Situation nun zupass.

»Nein, der ist nicht besoffen, der hat Blut am Kopf. Reichlich.«

Gottseidank stoppte Doktor Übelhau endlich den Motor und stieg aus dem Wagen.

»Wollen wir mal sehen«, murmelte er dabei. Der Blick, den er Nappes zuwarf, sprach Bände.

Freund, wenn der da hinten noch lebt, dann kriegst DU es mit mir zu tun!

»Hm«, murmelte der Halbgott in Weiß jedoch gleich, als er den Mann am Brunnen begutachtet, ihm prüfend an den Hals gefasst und seine Kopfwunde in Augenschein genommen hatte.

»Ich glaube, Sie haben recht. Der dürfte keinen Mucks mehr tun.«

»Ein Toter«, sagte Nappes, »in unserer kleinen Stadt.«

»Tja, guter Mann. Der Sensemann kommt und geht, wie es ihm gefällt. Ich rufe mal besser die Polizei.«

Sprach‘s und zog ein Smartphone neuester Generation aus seiner Jacketttasche. Das Ding sah aus, als könne es alles Mögliche. Auch eine schnelle Verbindung zu den Gesetzeshütern herstellen, hoffte Nappes inständig.

Zwei Autos fuhren vorbei, die Insassen schauten bereits neugierig zum Brunnen herüber. Hoffentlich stieg jetzt keiner aus, um mit seinem technischen Firlefanz ein Foto von dem Toten zu schießen und es im Internet zu veröffentlichen. Man las ja so viel … Nappes drehte sich um und stapfte zu einer der Bänke am Rande des Grünstreifens auf dem Vorplatz der Stadtkirche hinüber. Urplötzlich war ihm übel. Er senkte den Kopf und sah in die fragenden Augen seines Hundes. Lumpi verstand ganz sicher nicht, was hier passierte, das war auch besser so.

»Herr Nappes? Geht es Ihnen nicht gut?«

Die Stimme Gottes!

Nein, nicht ganz. Die eines seiner Stellvertreter.

»Herr Pfarrer, um Himmels willen. Dort drüben … da liegt jemand. Tot.«

Pfarrer Gottlob Lichtblau hob fragend die Brauen.

»Herr Nappes, gestern Abend ging es ganz schön rund bei Ihnen und Ihren Kegelbrüdern. Sie haben doch nicht etwa …«

»Nein, nein, ich bin nicht mehr … es stimmt. Doktor Botox, äh ich meine, Professor Doktor Übelhau … er telefoniert schon nach der Polizei.«

Der Pfarrer wirkte, als sei ihm das Gestammel sehr suspekt. Ein paar Augenblicke später, nachdem sein Blick Nappes‘ zitterndem Finger gefolgt war, wich das Blut aus seinem Gesicht.

»Um Himmels willen«, entfuhr es nun auch ihm.

»Sag ich doch«, erwiderte Nappes knapp, bevor er wieder den Kopf senkte. Von weit her ertönte bereits ein Martinshorn.

Der Polizist Michael Hanfstängel war es, der kurz darauf mit blinkendem Blaulicht auf den Wilhelm-Leuschner-Platz einbog.

Mühsam kletterte er aus seinem Wagen, zog Jacke und Hose zurecht und griff nach seiner Mütze. Offenbar waren heute sämtliche Regeln außer Kraft gesetzt, denn Hanfstängel war alleine unterwegs. Drei Augenpaare lagen auf ihm, als er sich der kleinen Gruppe am Brunnen näherte. Sein von den Ausschweifungen des Vorabends noch leicht verquollenes Gesicht zeigte ungläubiges Staunen beim Anblick des Toten.

»Zuviel Alkohol«, murmelte er.

Nappes, der Pfarrer und Doktor Botox, der nervös mit seinem Smartphone spielte, schauten sich kurz an. Wen meinte Hanfstängel? Sich selbst? Er war für seine Trinkfreudigkeit bekannt und sah, mit Verlaub, mit seinem trüben Blick und den geröteten Wangen nicht gerade nach einer erholsamen Nacht aus. Oder den Toten? Dabei konnte jeder erkennen, dass nicht der Inhalt des Bembels Schuld an dessen Zustand war, sondern allerhöchstens das Trinkgefäß als solches.

Hanfstängel kratzte sich ausgiebig am Kopf, wobei er seine Mütze hin und herschob, beugte sich zu dem Unbekannten herab, murmelte etwas vor sich hin und traf dann eine Entscheidung.

»Hat zu tief ins Glas geguckt. Ist ausgerutscht und mit dem Kopf auf den Brunnen gefallen.«

»Exitus«, fügte Doktor Botox emotionslos hinzu, steckte energisch sein Smartphone weg und sah stattdessen auf die teure Uhr an seinem Handgelenk.

»Amen«, ergänzte Pfarrer Lichtblau. Er faltete die Hände und warf einen demütigen Blick nach oben.

Karl Nappes schüttelte stumm sein graues Haupt.

Was für ein schrecklicher Unfall!

© Carla Wolf, 2016

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